Planet Diversity World Congress on the Future of Food and Agriculture

Vielfalt heißt nicht einfach viel

von Regine Maass

Etwas, was viel vorkommt, beunruhigt mich. Ich denke an viele Mücken, viele Käfer, viele Spinnen, viele Wespen.

Meine ersten Erfahrungen mit vielen Lebewesen hatte ich an der Ostsee, an der ich aufgewachsen bin. Es gab viel Seetang und Seegras, in denen sich viele Tangwürmer tummelten – diese Tangwürmer sahen aus wie schwimmende Tausendfüßler und konnten beißen. Überall – sie hinterließen keine Stacheln, es brannte einfach nur. Hatte ich das Seegras mit den Tangwürmern durchquert, kamen die Quallen. Normalerweise passierte in der Ostsee nichts, außer dass es ein ekliges Gefühl war, wenn ich beim Schwimmen an dieses durchsichtige glitschige Etwas stieß – bei bestimmten Wetterlagen waren sie einfach zu viele – also zurück durch Tang und Würmer an den Strand. Aber in einen Sommer kamen die roten Quallen, viele rote Quallen, sie hatten lange Fäden, die ich im Wasser nicht sehen konnte. Doch ich spürte sie – es brannte, höllisch, wie Feuer – unsere Eltern sagten, “Na ja, Feuerquallen, viele ebend, darfst´e nicht baden, das geht auch wieder weg – ist alles vom Wind abhängig. Und im Krieg schwammen noch ganz andere Sachen im Meer herum.“

In der Schule im Biologieunterricht lernte ich, dass Verschmutzung und Quallenanzahl direkt zusammen hängen. – „Ach, Kind, wir verschmutzen die See doch nicht“, war die leidlose Antwort der Eltern.

Nach all diesem „Vielen“ kamen die Stichlinge – kleine Fische, niedlich anzusehen, aber auch sie piekten – nicht so wie die Tangwürmer, die auch unter die Arme krochen, aber an den Beinen einfach piekten und irgendwann tot auf dem Strand lagen, zur Freude der Möwen und Krähen.

Das Viel-zu-viel war aber nicht nur im Wasser, es kam auch über die Luft. Da waren diese kleinen schwarzen Käfer, nur Millimeter groß, aber hunderttausendfach und eklig im Geschmack. „Die kommen vom Raps“, sagten unsere Eltern, „daher heißen sie Rapskäfer und die sind so klein und bitter, dass kein anderes Tier sie fressen mag – also gibt es sie so viel.“ Raps ist gelb und im Sommer ist auch vieles andere gelb – Orangen- und Zitroneneis, Limonade, Milchreis mit Vanillesoße, Wasserbälle, Badeanzüge, Handtücher und Sonnenhüte. Und alles hatte diese natürlichen, kleinen, bitteren, schwarzen Punkte. War der Raps gemäht, kamen die Obstzeit und die Wespen. Auch Wespen haben an der Ostsee keine natürlichen Feinde, aber jede Menge Futterstationen. Die Drahtkörbe, die in der Nähe des Strandes und am Strand standen, enthielten ein Schlaraffenland für Wespen – Orangeneis mit schwarzen Punkten, Milchreis mit schwarzen Punkten und Pfirsichreste mit schwarzen Punkten. Manchmal auch Weißbrot mit Honig und schwarzen Punkten und jede Menge Verpackungspapier mit schwarzen Punkten, in dem sich die Wespen verstecken konnten. Wespen fressen aber bekanntlich alles, vom toten Fisch bis zu schwarzen Punkten. Folglich hatte auch dies irgendwann ein Ende.

Aber was dann den nächsten Sommer kam, war der Höhepunkt des Vielen und trat auch so nur einmal auf. Wie auch immer, zu den schwarzen Punkten gesellten sich die grünen – zartgrün mit Flügeln – die Blattläuse. Sie beißen nicht, sie haben keine Farbvorlieben, sie brennen nicht, sie kleckern und kleben einfach nur.

Worüber sich jeder am Strand freute, war das Wissen, dass diese kleinen zartgrünen Dinger einen natürlichen Feind haben – den Marienkäfer. Putzig, niedlich, ja fast ein Komiker in seiner Art, wenn er alleine auftritt.

Milliarden von Blattläusen hatten Millionen von Marienkäfern zur Folge – diese putzigen Käferchen waren dann auch schnell überall – in den Handtüchern, den Schuhen, der Unterwäsche, den Zähnen, dem Portemonnaie... Auf der Promenade, den Autos, den Parkbänken, den Fenstern, den Eisbechern, dem Kaffee, einfach überall – auch sie knackten beim Draufbeißen und schmeckten noch bitterer als die Rapskäfer.

Was dann kam, war grausam. Die Blattläuse waren „alle“ und frei nach dem Räuber-Beute-System, welches ich in der Schule gelernt hatte, gab es jetzt nur noch hungrige Räuber – die nichts anderes fressen konnten außer sich selbst – es knackte und spritzte und überall waren bräunliche klebrige Flecken übrig, die sich nicht entfernen ließen. Diese niedlichen harmlosen Käfer wurden zu Kannibalen und sie bissen plötzlich auch uns. Dort, wo sie zuschlugen, piekte und juckte es wie ein übler Mückenstich.

In dem Jahr war der Strand trotz schönen Wetters für eine Woche menschenleer – diese possierlichen Tierchen hatten das geschafft, was Quallen, Rapskäfer und Wespen nicht in beharrlicher Gemeinschaft und regelmäßiger Reihenfolge für möglich gehalten hatten. Ein kleiner, runder, sechsbeiniger Käfer mit zwei, fünf oder sieben Punkten vertrieb die zweibeinigen ohne Punkte vom Strand.

Diese beeindruckenden Erfahrungen hatte ich als Kind, Jugendliche und später als Erwachsene. In der Schule und im Studium lernte ich Zusammenhänge der Ökologie, dass eine ausgewogene und vielfältige Artenzahl ein stabiles natürliches Ökosystem – wie ein See-Strand-Land System – ergibt. Die fünfundzwanzig Jahre Erfahrung in meiner naturnahen Umgebung zeigten mir jedoch etwas anderes – ein für mich großes Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis:

     

  • Ein verschmutztes Meer, in dem sich Populationen, die wir als Generalisten bezeichnen, millionenfach vermehren und andere Lebewesen, die Spezialisten genannt werden, verdrängen.
  • Dass ein Überangebot an Nahrung zur tausendfachen Vermehrung eines Räubers führt – und dieser Räuber unter Hunger zum Kannibalen wird.
  • Eine Natur, die aus dem Gleichgewicht gerät, und dadurch auch den Menschen zur Flucht zwingt.

     

Über die Erinnerungen stelle ich heute fest, dass auch ich ein Missverhältnis in Theorie und Praxis habe. Ich weiß von der Verarmung der Natur, ich weiß von den Risiken der Zukunft und ich wünsche für unsere nachfolgenden Generationen ebenfalls ein Gefühl zur Natur - doch was tue ich?

Ich fahre soviel wie möglich Fahrrad, dennoch empfinde ich Auto fahren bei Regen und Kälte als vorteilhaft; Fliegen oder Bahn fahren, na ja, da entscheiden die Preise - aber beim Hinterhofgarten in Berlin, da arbeite ich ohne Kompromisse, hier versuche ich ein Paradies für all unsere Lebewesen zu schaffen, fühle eine Verbindung zu den Wurzeln der Natur und freue mich über jedes Interesse meiner Nachbarn.

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