Planet Diversity World Congress on the Future of Food and Agriculture

Was bleibt wenn das Wasser geht?

Das Grundwasser Jordaniens wird knapp. Blühenden Oasen werden zu vertrockneten Stätten, wenn es nicht gelingt die Wassernutzung gemeinsam zu organisieren.

Ziemlich weit draußen in der Wüste Jordaniens, nicht weit von der Grenze zu Saudi-Arabien und dem Irak, bahnt sich ein Desaster an. Al Azraq, ein uralter Rastplatz für Karawanen, Nomaden und Zugvögel, droht zu vertrocknen. Der Tod einer Oase.

Wenn man heute nach Azraq fährt, landet man im Gegenteil von 1001 Nacht. Dreckige Buden, Reifenfetzen, Schrott. Öl-Kolonnen auf dem Weg durch die Wüste. Wer aus Saudi-Arabien kommt, hat einen sehr weiten, wer aus dem Irak kommt einen ziemlich gefährlichen Weg hinter sich.

Aber das Problem von Azraq liegt eine Ebene tiefer. Die riesigen Grundwasservorräte, aus denen einst die Quellen der Oase gespeist wurden, gehen zur Neige. 1992 ist die letzte der drei großen Quellen von Azraq versiegt. Kaum drei Jahrzehnte Großstadtdurst und Landwirtschaft haben das einst gewaltige Feuchtgebiet mitten in der Wüste trocken gepumpt. Mittlerweile wird doppelt so viel Grundwasser verbraucht, wie jedes Jahr wieder neu dazu kommt – schätzungsweise, genau weiß das niemand. Die eine Hälfte geht als Trinkwasser in die Hauptstadt Amman, die andere Hälfte in die Landwirtschaft. Von der Oase selbst ist ein trauriger Tümpel geblieben, der künstlich feucht gehalten wird. Ein Museumstümpel.

Männerrunde. Die Wassernutzer Kooperative von Azraq raucht und tagt. Es sind die Bauern von Azraq, die um ihre Existenz fürchten. Auf der Kooperative ruhen die Hoffnungen der deutschen GTZ. Sie hat die Gründung maßgeblich unterstützt. Die Kooperative ist eine bäuerliche Interessenvertretung und deshalb hat sie sich die Rettung der Oase Azraq in die Statuten geschrieben. Die Bauern der Kooperative wissen, dass sie ihre Betriebe in spätestens zehn Jahren dicht machen können, wenn sich nicht zügig etwas tut.

Plötzlich geht die Tür auf. Militärhosen. Zigarette. Jeder Mann mit Handschlag. Zack, zack, zack. Die Chefin. Sie lacht herzhaft mit ihrem klaren, offenen Blick. Sie heißt Mae und ist Bäuerin. Ihr Mann war ein berüchtigter Geheimdienstboss. Sie eine seiner Frauen. Jetzt ist er tot. Die Führung auf dem Betrieb hat sie schon lange zuvor übernommen. Sie hatte Freude an der Landwirtschaft, an den Pflanzen und am Betrieb. Sie hat sich die Sache damals angeschaut, hat gesehen, was verkehrt lief und hat damit begonnen, die Dinge zu ändern. Sie hat den Arbeitern auf der Farm Regeln gegeben, Grenzen klar gemacht, Altes geprüft und Neues probiert. Hat selbst Hand angelegt. Das macht kein jordanischer Mann. Mae macht das schon immer. Ihr erster Mann hatte eine Autowerkstatt. Als der starb hat sie den Laden übernommen und geschraubt, um die Familie durchzubringen.

Schon ihr Gefährt schindet Eindruck. Jeder Bauer in Jordanien fährt einen Toyota-Kleinlaster mit Kamelschmuck an den Außenspiegeln. Mae fährt einen uralten Mercedes LKW, doppelt so groß wie das Toyota-Standardmodell. Nicht ohne stolz erzählt sie, wie der Verkehr in Amman stockt, wenn sie rauchend durch die Stadt kurvt. In Azraq schaut sich keiner mehr um. Hier ist sie längst Normalität.

Die Kooperative ist mittlerweile auf bestem Wege, eine nationale Institution zu werden. Sie haben sie alle schon getroffen: Die Minister, den Premierminister, den König. Sie hoffen auf Unterstützung der Regierung, wissen aber auch, dass Trinkwasser Vorrang hat. Der Durst einer Millionenstadt gegen die Interessen von ein paar hundert Bauern. Die Landwirtschaft hat gehörigen Anteil am Vertrocknen der Oase und wird ihren Wasserverbrauch erheblich reduzieren müssen. Natürlich wird das Ärger geben. Wer darf wie viel, wer kriegt weniger, wer muss weichen? Einstweilen hat die Kooperative den größten Raum angemietet, der in Azraq zu finden war. Als Versammlungsraum. Offenbar gibt es Gesprächsbedarf. Gut möglich, dass in diesem Raum einmal über die Zukunft der Oase entschieden werden wird.

Mae lebt inzwischen nicht mehr draußen auf der Farm, sondern im Ort. Und da hat sie einen kleinen Garten angelegt. Von jeder Sorte, die auf der Farm angebaut wird, eine Pflanze. Olivenbäumchen und Dattelpalmen. Sie will ihre Zöglinge um sich haben, auch wenn es mit der Landwirtschaft einmal nicht mehr weitergehen sollte. Beim Anblick ihres Gartens hält sie kurz inne. Dann aber springt sie wieder auf den alten Mercedes und gibt Gas. Sie fährt nicht gerade wie eine, die schnell aufgibt.

- Tobias Leiber

 

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