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Karawane der Hoffnung

20 Jahre kämpfte Rüdiger Nehberg (72) für das Überleben der Yanomami-Indianer im brasilianischen Regenwald. Als sie Frieden erhalten, sucht er eine neue Herausforderung. Es wird der Kampf gegen die Weibliche Genitalverstümmelung. Jetzt erleben er und seine Lebensgefährtin Annette Weber den Durchbruch: höchste muslimische Gelehrte erklären den Brauch zur Sünde. Bundespräsident Horst Köhler würdigt den Erfolg mit zwei Bundesverdienstkreuzen. Hier sein Bericht:

Niemand ist zu gering, etwas zu verändern. Das hat mich mein 20-jähriges Engagement gegen den drohenden Völkermord an den Yanomami-Indianern in Brasilien gelehrt. Man braucht eine gute Strategie, die richtigen Partner, Geduld und Glück. Das hatte ich. Im Jahre 2000 erhalten die Yanomami einen akzeptablen Frieden. Ich bin frei für neue Herausforderungen. Es wird der Kampf gegen das Verbrechen „Weibliche Genitalverstümmelung“.

Meine Strategie steht schnell fest. Die meisten Opfer sind Musliminnen. Die meistgehörte falsche Begründung lautet: „Es steht im Koran“. Das ist der Ansatz. Ich will die Kraft des Koran und Islam nutzen, um den Brauch zu ächten. Ich kenne den Islam. Ich schulde ihm Dank. Zweimal retteten mir muslimische Gastgeber bei Überfällen mit ihren Körpern als lebende Schilde das Leben.

Schwieriger gestaltet sich die Partnersuche. Etablierte deutsche Menschenrechtsorgani-sationen unterstellen mir erste Anzeichen von Senilität und Realitätsferne. „Der Islam ist nicht dialogfähig“, wissen die einen. „Was geht das Männer an?“, fragen die anderen. Ich spüre Vorurteile, Angst, begrenzte Kompetenz.

August 2000. Ich bin 65 Jahre alt, Grund genug, mit der Restlebenszeit ökonomisch umzugehen. Um sie nicht zu vertrödeln mit solchen Berufsbedenkenträgern, gründe ich, zusammen mit meiner Lebenspartnerin Annette Weber, kurzentschlossen meine eigene Menschenrechtsorganisation. Wir nennen sie TARGET (ZIEL).

Schritt zwei ist die Beschaffung von Bildbeweisen. Sie sind Mangelware. Aber wir brauchen die Bilder, um Verantwortliche damit zu konfrontieren. Das Verbrechen ist mit Tabus belegt. Man spricht nicht darüber. Männer denken, Frauenverstümmelung sei wie Männerbeschneidung. Das Gegenteil trifft zu. Was man Frauen antut, ist schwerste Körper- und Seeleschädigung, Raub der Würde.

Schritt drei: wir konsultieren den Zentralrat der Muslime. Ihr Vorsitzender Dr. Elyas unterstützt die Idee, mit dem Islam als Partner zu kooperieren. Gemeinsam formulieren wir unser Leitmotiv: „Weibliche Genitalverstümmelung ist mit dem Koran und der Ethik des Islam nicht vereinbar. Sie ist Gottesanmaßung und eine Diskriminierung des Islam“. Es wirkt Wunder.

Schritt vier: Annette und ich treten gemeinsam auf. Sie findet den Zugang zu den Frauen, ich den zu den Männern. Dann folgt Schritt auf Schritt. Sheiks, Sultane, Großmuftis und Gelehrte öffnen uns Türen und Herzen. Sie erlauben uns Stammesversammlungen und erklären den Brauch zur Sünde. So geschehen in Äthiopien, Dschibuti und Mauretanien. Großmufti Hamden Ould Tah, Mauretanien, lässt uns die Sündenerklärung auf Fahnen schreiben. Mit einer „Karawane der Hoffnung“ tragen wir sie zu den Nomaden in den Oasen. Vorm siebtgrößten Heiligtum, einer alten Moschee in der Sahara, dürfen wir die Botschaft auf einem Transparent verkünden.

Dann der Durchbruch: unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmuftis Prof. Dr. Ali Gom’a dürfen wir die höchsten Islam-Gelehrten der Welt und mehrere Mediziner mit internationaler Reputation in die ehrwürdige Azhar-Universität zu einer Konferenz einladen. Nach zweitägiger Diskussion erklären sie den Brauch zu einem „schweren Verbrechen, das gegen höchste Werte des Islam verstößt“. Jetzt kommt Frauenverstümmelung einer Sünde gleich.

Damit ist der Tradition die wichtigste Grundlage entzogen. Es ist der Anfang vom Ende des größten Bürgerkrieges aller Zeiten. Ein Krieg der Gesellschaft gegen die Frauen. Seit 5000 Jahren. Mit 8000 Opfern täglich. Diese Botschaft werden wir in der nächsten Zeit in alle Moscheen der Welt tragen. Die Arbeit hat begonnen.

Annette Weber: „Ich möchte erleben, dass die Tränen des Leids nicht mehr im Sand versickern, sondern sich zu Freudenströmen vereinigen und zur Begrünung Afrikas beitragen.“

www.target-human-rights.com

Buch: Rüdiger Nehberg und Annette Weber: „Karawane der Hoffnung“

Bild: Nehberg und Weber im Jahre bei der Karawane der Hoffnung durch die Wüste Mauretaniens

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